Jede:r kennt sie: eingefahrene Muster, die sich in Beziehungen und Familien über die Zeit entwickeln. Was anfangs nur ein kleiner Konflikt oder eine Angewohnheit war, kann sich über die Jahre zu festgefahrenen Strukturen entwickeln, die schwer zu verändern sind. Doch genau hier liegt der Schlüssel: Mit Schwung und Bewegung lassen sich erstarrte Gefühle und Muster durchbrechen und neue Perspektiven und Verhaltensweisen ermöglichen.


Der Mut, etwas Neues zu wagen, bringt frischen Wind in Beziehungen und lässt Raum für Veränderungen entstehen. So entsteht die Möglichkeit, aufeinander zuzugehen, miteinander zu wachsen und sich weiterzuentwickeln – hin zu einem neuen, lebendigeren Miteinander, in dem alte Verletzungen nach und nach verblassen und die Kommunikation wieder offener und authentischer wird. So entsteht ein Raum, in dem sich alle weiterentwickeln können – in einer Beziehung, die nicht mehr von Erstarrung geprägt ist, sondern von gegenseitigem Verständnis, Respekt und Lebendigkeit.


Was sind eingefahrene Muster?

Eingefahrene Muster entstehen oft aus wiederholten Interaktionen und sind für viele Menschen ein vertrauter Weg, mit Herausforderungen umzugehen. Diese Muster können in Familien oder Partnerschaften sehr tief verwurzelt sein. Zum Beispiel, wenn sich Rollen wie „die/der Verantwortungsvolle“ und „die/der Unbeschwerte“ herausbilden und immer wieder in derselben Weise erlebt und gelebt werden. Oft fühlen sich solche Muster „sicher“ an, weil sie Vorhersehbarkeit bieten – auch wenn sie dazu führen, dass die gleiche Streitspirale oder Kommunikationsschleife immer wieder durchlaufen wird.


Beispiel aus der Praxis: Paarsituation – Der Teufelskreis des Rückzugs

Ein Paar, das zu mir kam, befand sich in einem Muster, in dem Konflikte immer gleich abliefen. Sobald ein Thema aufkam, bei dem sich eine Person kritisiert fühlte, zog sie sich zurück. Die andere Person reagierte darauf mit Vorwürfen und versuchte, mehr Nähe und Antworten zu erzwingen. Das Resultat: ein endloser Kreislauf aus Rückzug und Angriff, der dazu führte, dass sich beide Partner:innen unverstanden und in ihren Bedürfnissen nicht gehört fühlten. In der Therapie arbeiteten wir daran, das Muster sichtbar zu machen und neue Möglichkeiten der Reaktion auszuprobieren. So konnte die Person, die sich normalerweise zurückzog, lernen, ihre Gefühle anders auszudrücken, bevor sie sich distanzierte. Die andere Person versuchte stattdessen, Fragen zu stellen, die Neugier signalisieren, anstatt Vorwürfe zu formulieren. Mit der Zeit schafften sie es, eine neue Dynamik zu finden, in der beide mehr Raum für ihre Gefühle hatten, ohne dass ein Konflikt sofort eskalierte.


Beispiel aus der Praxis: Familiensituation – Das eingefahrene Rollenbild

Eine Familie, die ich begleitete, kämpfte mit festgefahrenen Rollenbildern, die sich über die Jahre eingeschliffen hatten. Die Frau übernahm die klassische „Frauenrolle“ – kümmerte sich um Haushalt, Kinder und Organisation des Familienalltags. Der Mann erfüllte die traditionelle „Männerrolle“ – war der Hauptverdiener, übernahm jedoch wenig Verantwortung im häuslichen Bereich. Diese Verteilung führte auf beiden Seiten zu Frustration: Die Frau fühlte sich überlastet und unverstanden, während der Mann das Gefühl hatte, ständig Vorwürfe zu bekommen, obwohl er „seine Rolle“ erfüllte. Beide empfanden eine Unzufriedenheit in ihrer Beziehung, doch das festgefahrene Muster machte es schwer, eine Veränderung zu bewirken. Konflikte drehten sich immer wieder um die gleiche Frage: Wer leistet mehr für die Familie, und wer bekommt weniger Anerkennung?


Umgekehrt erlebe ich in meiner Praxis auch Familien, in denen die Rollen anders verteilt sind: Der Vater übernimmt den Großteil der Aufgaben zu Hause, während die Mutter die Rolle der Hauptverdienerin innehat. Auch in diesen Konstellationen können ähnliche Muster auftreten, bei denen der Vater sich in seiner Verantwortung als „unsichtbar“ erlebt und die Mutter unter dem Druck steht, sowohl beruflich als auch privat allem gerecht zu werden. Die Frage „Wer ist für was verantwortlich?“ kann auch in dieser Rollenverteilung zu Konflikten führen und eine tiefe Frustration auslösen.


In der Therapie setzten wir bei diesen Rollenbildern an und hinterfragten sie: Warum fühlten sich die Partner:innen verpflichtet, immer wieder in die gleichen Rollen zu schlüpfen? Wie beeinflussten diese Erwartungen ihr Selbstbild und die Beziehung zueinander? Es ging darum, die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Glaubenssätzen zu fördern – beispielsweise „Eine gute Mutter sorgt immer für alles“ oder „Ein Mann muss die Familie finanziell absichern“. Die Paararbeit half beiden, diese Glaubenssätze offen auszusprechen und sich ihre Wünsche für eine neue Rollenverteilung bewusst zu machen.


Wir führten kleine Veränderungen in den Alltag ein. Der Mann begann – in beiden Konstellationen – regelmäßig Aufgaben zu übernehmen, die vorher nicht zu seiner Rolle gehörten, wie sich stärker in die Kindererziehung einzubringen oder im Haushalt aktiv zu sein. Ebenso ermöglichte es die Frau, sich eigene Interessen und berufliche Ziele bewusst zu erlauben, ohne dabei das Gefühl zu haben, im familiären Bereich zu versagen. Diese Experimente brachten auch neue Herausforderungen mit sich: Der Elternteil, der zuvor die häuslichen Aufgaben übernommen hatte, musste lernen, Kontrolle abzugeben, während der andere Partner erfuhr, wie anspruchsvoll und herausfordernd der Alltag zu Hause sein kann.


Über die Zeit wuchs das gegenseitige Verständnis, und beide erlebten eine Entlastung: Es wurde klar, dass der Beitrag zur Familie nicht allein durch die finanzielle Rolle oder die Aufgaben im Haushalt definiert wird, sondern dass beide Seiten wertvolle Arbeit leisten. Dadurch veränderte sich die Beziehung – weg von starren Erwartungen, hin zu einer flexibleren, partnerschaftlicheren Dynamik. Es entstand ein stärkeres Gefühl von Gleichberechtigung und Wertschätzung füreinander, weil beide die Möglichkeit hatten, aus den starren Strukturen auszubrechen und eine neue Balance in ihrer Beziehung zu finden.


Bewegung in starre Strukturen bringen

Um eingefahrene Muster zu verändern, ist es wichtig, Schwung und Bewegung in die Dynamik zu bringen. Das bedeutet nicht, alte Gewohnheiten zwanghaft zu „brechen“, sondern neue Perspektiven und Verhaltensweisen auszuprobieren, die den gewohnten Rahmen verändern. In meiner systemischen Arbeit ist es mir wichtig, Menschen zu ermutigen, innezuhalten und ihre gewohnten Reaktionen und Muster zu hinterfragen. Fragen wie „Was passiert, wenn ich in einer bestimmten Situation anders reagiere?“ oder „Wie könnte ich diese Dynamik aus einem anderen Blickwinkel betrachten?“ können neue Impulse setzen.


Neue Möglichkeiten der Veränderung

Bewegung und Schwung in alte Muster zu bringen, bedeutet auch, sich selbst zu erlauben, neue Rollen einzunehmen. Wer bisher immer nur die/der Vermittler:in in der Familie war, darf auch mal die eigenen Grenzen deutlich setzen. Wer sich oft aus Konflikten zurückzieht, kann ausprobieren, die eigenen Bedürfnisse offen anzusprechen. Solche Veränderungen bedeuten nicht, die eigene Identität aufzugeben, sondern Raum für Entwicklung und Flexibilität zu schaffen.


Unterstützende Begleitung auf dem Weg zur Veränderung

Manchmal braucht es eine Begleitung, um den ersten Schritt zu wagen und Bewegung in eingefahrene Muster zu bringen. In der systemischen Therapie unterstütze ich Sie dabei, bestehende Dynamiken zu erkennen, neue Perspektiven zu entwickeln und kleine, aber wirkungsvolle Veränderungen auszuprobieren. So können wir gemeinsam daran arbeiten, eingefahrene Strukturen aufzubrechen und Raum für ein lebendiges Miteinander zu schaffen, das Wachstum und positive Entwicklung ermöglicht.


Fazit: Der erste Schritt zur Veränderung

Es sind oft kleine Bewegungen, die große Veränderungen bewirken können. Ein erster Schritt in die richtige Richtung kann alte Muster aufbrechen und neue Möglichkeiten eröffnen. Es geht darum, Bewegung ins Spiel zu bringen und eingefahrenen Strukturen mit Neugier und Offenheit zu begegnen – denn genau darin liegt das Potenzial für Wachstum und Entwicklung in Beziehungen.

Paartherapie und Familientherapie in Karlsruhe

Pascale Jenny

Wie ein schwebender Samen: Grenzen setzen bedeutet, Leichtigkeit und Verbindung zu bewahren
von Pascale Jenny 9. Februar 2025
Gesunde Grenzen stärken Beziehungen. Erfahren Sie, wie Klarheit und Selbstfürsorge Nähe und Verbindung ermöglichen.
Abstrakte Illustration mit einem sanften Regenbogen – Symbol für Liebe, Identität und Vielfalt
von Pascale Jenny 8. Februar 2025
Liebe zeigt sich in vielen Formen. Entdecken Sie, wie Identität und Beziehungen zusammenhängen und welche Möglichkeiten jenseits klassischer Normen bestehen.
Abstrakte Illustration eines Herzens, das sich sanft im Wasser spiegelt – Symbol für Liebe
von Pascale Jenny 8. Februar 2025
Beziehungen spiegeln uns oft wider. Entdecken Sie, wie Liebe uns mit unseren eigenen Mustern, Wünschen und Entwicklungsmöglichkeiten konfrontiert.
Abstrakte Darstellung von Bindungsstilen – zwei Figuren symbolisieren Nähe, Distanz und Vertrauen
von Pascale Jenny 6. Februar 2025
Wie beeinflussen Bindungsstile unsere Partnerschaft? Erkennen Sie Ihre Muster, lösen Sie Konflikte und gestalten Sie Nähe bewusster.
Zwei minimalistische Stühle als Symbol für Begegnung, Verbindung und neue Perspektiven
von Pascale Jenny 6. Februar 2025
Konflikte belasten Ihre Beziehung?“ Systemische Paartherapie eröffnet neue Perspektiven und schafft Raum für echtes Verstehen und Veränderung.
symbolische Darstellung von zwei Händen, die vorsichtig eine kleine Pflanze mit einer Knospe halten
von Pascale Jenny 25. Januar 2025
Einfühlsame Unterstützung bei Konflikten, Entfremdung und emotionalen Herausforderungen auf dem Weg zur Elternschaft – für Paare und Einzelpersonen.
Ein fast reißendes Seil – Symbol für Anspannung, Belastung und Zerbrechlichkeit.
von Pascale Jenny 6. Januar 2025
Burnout und Burnon erkennen und verstehen – Ursachen, Anzeichen und Wege zur Selbstfürsorge in Beziehungen, Familie und Beruf.
Ein Elternteil sitzt nachdenklich in einem ruhig beleuchteten Wohnzimmer. Symbol für Fürsorge.
von Pascale Jenny 6. Januar 2025
Elternsein bringt Herausforderungen mit sich – besonders in schwierigen Momenten. Finden Sie neue Wege und nutzen Sie Ihre Stärken.
Ein leuchtender Bildschirm in einem dunklen Raum – Symbol für Nähe und Distanz.
von Pascale Jenny 20. Dezember 2024
Wie beeinflussen digitale Medien unsere Beziehungen? Dieser Beitrag erkundet, welche Rollen Bildschirme spielen – zwischen Nähe, Distanz und Ablenkung.
Person am See. Symbol für Selbstreflexion und emotionale Entwicklung bei Bindungsängsten.
von Pascale Jenny 16. Dezember 2024
Was tun bei Bindungsangst? Erfahren Sie, wie Bindungsängste entstehen und überwunden werden können. Für mehr Nähe und Vertrauen in Beziehungen.
Share by: