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Unsere Beziehungen sind oft von unsichtbaren Dynamiken geprägt. Konflikte, Nähe und Distanz – was steckt hinter diesen Mustern? Wenn wir uns und unsere Beziehungen besser verstehen, können wir bewusst gestalten, wie wir uns auf andere einlassen. Ein genauer Blick auf die Dynamiken, die unsere Verbindungen formen, hilft dabei, tieferes Verständnis und intensivere Begegnungen zu schaffen.
Dynamiken sind die wiederkehrenden Muster und Verhaltensweisen in Beziehungen. Oft verlaufen sie unbewusst, wie ein vertrautes Drehbuch, dem wir folgen. Diese „unsichtbaren Fäden“ entstehen durch Erfahrungen, Glaubenssätze und Erwartungen, die wir im Laufe unseres Lebens entwickeln. Sie können Stabilität geben, aber auch dafür sorgen, dass bestimmte Konflikte oder Kommunikationsstile immer wiederkehren.
1. Das Nähe-Distanz-Spiel: Vielleicht kennen Sie das: Eine Person wünscht sich mehr Nähe und Kommunikation, während die andere eher Rückzug oder Freiraum sucht. Diese Dynamik kann zu einem Teufelskreis führen, in dem die Bedürfnisse beider Personen ungehört bleiben. Der Schlüssel ist, diese unterschiedlichen Bedürfnisse zu erkennen und darüber zu sprechen. Nur so kann sich ein Gleichgewicht entwickeln, das für beide stimmig ist.
2. Rollen und Erwartungen: In vielen Beziehungen nehmen wir bestimmte Rollen ein – wie „die Verantwortungsvolle“, „der Problemlöser“ oder „die Zuverlässige“. Diese Rollen formen, wie wir uns verhalten und wie wir aufeinander reagieren. Sie bieten Sicherheit und Orientierung, können aber auch zur Belastung werden, wenn sie starr oder unausgesprochen bleiben. Es lohnt sich, die eigene Rolle zu hinterfragen und sich darüber auszutauschen, welche Erwartungen daran geknüpft sind.
3. Nicht-Gehört-Werden: Das Gefühl, nicht gehört oder verstanden zu werden, kann eine starke Dynamik in Beziehungen entwickeln. Es entstehen Missverständnisse oder Rückzüge, die zu einem Kreislauf führen, der schwer zu durchbrechen ist. Kommunikation ist hier der Schlüssel, um ein besseres Verständnis füreinander zu entwickeln. Einfache Fragen wie „Wie geht es dir damit?“ oder „Was wünschst du dir?“ können oft den Anfang machen, um ein tieferes Verständnis für die Perspektive des Gegenübers zu schaffen.
4. Das „Retter:innen-Opfer“-Muster: In manchen Beziehungen übernimmt eine Person unbewusst die Rolle der „Retter:in“, während die andere die Rolle des „Opfers“ einnimmt. Der oder die „Retter:in“ versucht, Probleme zu lösen oder zu unterstützen, was kurzfristig entlasten kann. Auf lange Sicht führt dies aber häufig dazu, dass sich die „Opferrolle“ hilflos fühlt und die eigene Handlungsfähigkeit vernachlässigt. Auch hier hilft es, die eigenen Rollen bewusst zu hinterfragen und die Balance der Verantwortung neu zu verhandeln.
5. Machtkämpfe und Kontrolle: Macht- und Kontrollthemen sind in vielen Beziehungen präsent. Eine:r versucht, die Richtung der Beziehung zu bestimmen oder Entscheidungen zu kontrollieren, während die andere Person möglicherweise versucht, die Kontrolle zu behalten, indem sie sich verweigert oder abwehrend reagiert. Diese Dynamik kann sich verschärfen, wenn sie nicht erkannt und besprochen wird. Die Frage, wie Macht und Einfluss in einer Beziehung verteilt sind, kann helfen, solche Dynamiken sichtbar zu machen.
„Trigger“ sind sensible Punkte, die durch bestimmte Worte, Handlungen oder Situationen intensive emotionale Reaktionen auslösen. Diese Trigger stammen oft aus vergangenen Erfahrungen und beeinflussen, wie wir auf unser Gegenüber reagieren. Das Bewusstsein über die eigenen Trigger ist entscheidend, um Dynamiken bewusster zu gestalten. Ein Beispiel: Wenn Sie merken, dass Sie in bestimmten Situationen besonders emotional reagieren, kann es hilfreich sein, zu überlegen, was dahinter steckt und wie eine offenere Reaktion die Beziehung beeinflusst.
Um Dynamiken in Beziehungen bewusster zu gestalten, ist es wichtig, alte Muster zu erkennen und offen darüber zu sprechen. Fragen wie „Welche Rolle nehme ich immer wieder ein?“ oder „Wie fühle ich mich in bestimmten Situationen?“ können dabei helfen, Klarheit zu gewinnen. Statt in festgefahrene Muster zu verfallen, lohnt es sich, neue Reaktionsweisen auszuprobieren. Das kann bedeuten, in Konflikten ruhiger zu bleiben, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten oder bewusst das Gegenüber zu fragen: „Wie fühlst du dich dabei?“
Dynamiken sind ein natürlicher Bestandteil von Beziehungen – sie prägen unser Miteinander, können aber auch zu tieferer Verbundenheit und Verständnis führen. Indem wir uns selbst und unsere Dynamiken bewusst wahrnehmen, schaffen wir Raum für Veränderung und Entwicklung. Denn eine bewusste Beziehungsgestaltung ermöglicht, einander immer wieder neu zu begegnen und gemeinsame Entwicklung zu fördern.
Pascale Jenny